Zeitungslayout und Magazinlayout: Regeln und kreative Gestaltung

Editorial Design: die Grundlagen

Beispiel für ein einfaches Zeitungslayout
Editorial-Design: Im Zeitungslayout gelten besondere Regeln

Beim Layout von Zeitungen und Magazinen bestimmen Satzspiegel, Seitenraster und Typographie die gestalterischen Grundlagen. Es gibt bestimmte Konventionen, an die sich Gestalter und Editorial Designer halten sollten. Die Zahl der Regeln ist überschaubar, ihre Wirkungsmacht hoch. Denn bereits Generationen von Lesern sind mit diesen Konventionen groß geworden und haben sie verinnerlicht. Es sind die darauf gründenden Lesererwartungen, die unter den Gesichtspunkten Übersichtlichkeit und Lesefreundlichkeit kreativen Höhenflügen Grenzen setzen.

Wie schrecklich, wie langweilig, könnte man meinen. Doch in Wirklichkeit basieren gute Magazin- oder Zeitungslayouts auf einem ausgeklügelten und erstaunlich flexiblem Grundsystem, das jede Menge kreativen Spielraum für Editorial Design bietet – wenn man die Regeln beherzigt. Wie bei jedem Printprodukt lohnt sich also auch beim Zeitungslayout ein kreativer und dennoch gestalterisch fundierter Ansatz.

Die wichtigste Aufgabe von Editorial Design ist, das Leseerlebnis interessant und gleichzeitig unkompliziert zu gestalten.

Was muss man wissen? Grundfragen von Zeitungslayout und Magazinlayout

Welche Zeitungsformate sind in Deutschland üblich?

Bei den meisten gestalterischen Aufgaben im Bereich des Zeitungslayouts ist die Wahl des Zeitungsformats bereits getroffen. Es natürlich ist trotzdem gut, diese Formate zu kennen. Im deutschsprachigen Raum sind die folgenden Zeitungsformate gängig:

Nordisches Format

Mit seinen 400 x 570 mm im Vollformat ist das sogenannte Nordische Format das größte in Deutschland übliche Zeitungsformat. Einige der nicht nur unter diesem Aspekt größten Zeitungen benutzen es: Bild, FAZ, die Süddeutsche Zeitung und das Hamburger Abendblatt erscheinen im nordischen Format. Halbiert ergibt sich daraus mit das Nordische Halbformat bzw. das halbnordische Format mit einer Größe von 285 x 400 mm. Das nordische Halbformat ist eher selten. Aber immerhin die BZ erscheint so.

Rheinisches Format

Das Rheinische Format ist eins der beiden meistgenutzten Formate deutscher Zeitungen. Es kommt im Vollformat mit Varianten von 350-360 mm Breite und 510-530 mm Höhe vor. Prominente Beispiele sind die Westfälische Allgemeine Zeitung, die Hannoversche Allgemeine Zeitung und die Südwest Presse. Das zugehörige Halbformat kommt auf Abmessungen von maximal 265×370 mm und ist selten.

Berliner Format

Das Berliner Format ist häufig und wegen seiner Handlichkeit bei den Lesern beliebt. Im Vollformat misst es 315×470 mm. Die tageszeitung, der Standard und Le Monde erscheinen so. Auch das Berliner Format lässt sich halbieren: Dann kommt es gerade mal auf etwas mehr als A4-Größe (gelegentlich auch darunter).

Schweizer Format

Das Format, in dem die meisten schweizer Zeitungen erscheinen, soll hier nicht verschwiegen werden: Es ist geringfügig größer als das Berliner Format und misst 320×475 mm. Das Schweizer Halbformat kommt auf 240×330 mm.

Broadsheet und Tabloid-Format

Auch wenn die Großformate Nordisch und Rheinisch manchmal (zu recht) ebenfalls Broadsheet genannt werden, sei es hier als eigenes, in England und Amerika übliches Format beschrieben. Denn aus seinen Maßen leitet sich ein modernes und im deutschsprachigen Raum inzwischen verbreitetes Format ab: das Tabloid-Format (in seiner gängigsten Form). Die Broadsheet-Abmessungen betragen 375×600 mm. Es ist also nominal etwas höher und schmaler als das größte in Deutschland übliche Format, das Nordische Format.

Vom Broadsheet leitet sich das gängige Tabloid-Format ab. Seine Maße liegen in der reinen Form bei 300x375mm. Einige Zeitungen, die traditionell großformatig erschienen sind, haben in den letzten Jahrzehnten auf das Tabloid-Format umgestellt: so zum Beispiel die Frankfurter Rundschau, die bis 2007 im Nordischen Format erschienen ist. Außerdem werden El País, die Hamburger Morgenpost und die Kronen-Zeitung im Tabloid-Format herausgegeben.

Editorial-Design: Satzspiegel für Bücher

Welchen Satzspiegel soll man wählen?

Natürlich besteht die Möglichkeit, ein in unseren Augen harmonisch gestaltetes Dokument oder gutes Zeitungslayout zu wählen und die Seitenränder einfach zu übernehmen. Dennoch lohnt sich ein Blick darauf, wie man einen guten Satzspiegel selbst konstruieren kann.

Wie kann man den Satzspiegel selbst konstruieren?

Der Satzspiegel legt fest, welche Flächen der Seite bedruckt werden dürfen und welche frei bleiben sollen. Neben der Harmonie der Seitengestaltung bestimmt der Satzspiegel damit natürlich auch wesentlich das Verhältnis von Weißflächen zu den Druckflächen mit.

Diagonal-Konstruktion variabler Satzspiegel
Wie man mit der Diagonalkonstruktion einen variablen Satzspiegel erstellt

Über die Frage einer harmonischen Seitengestaltung machen sich Drucker, Schriftsetzer und Gestalter bereits seit Jahrhunderten Gedanken. Dem entsprechend gibt es mehrere Wege, wie man zu einem guten Satzspiegel kommt.

Diagonal-Konstruktion zur Bestimmung des Satzspiegels

Eine sehr praktikables und verbreitetes Verfahren besteht in der Konstruktion eines variablen Satzspiegels für eine Doppelseite. Als erstes zeichnet man Seitendiagonalen und Doppelseiten-Diagonalen ein. Die Seitendiagonalen führen dabei von außen unten nach oben innen. An einem beliebigen Punkt dieser Seitendiagonale legt dann man die innere obere Ecke des Satzspiegels fest. Für den äußeren oberen Eckpunkt zieht man danach eine waagerechte Linie nach außen bis zur Doppelseiten-Diagonale. Vom äußeren oberen Eckpunkt fällen wir schließlich eine senkrechte Linie nach unten bis zur Seitendiagonale, um den dritten Punkt zu erhalten, der den Satzspiegel bestimmt. Ein so für eine Doppelseite konstruierter Satzspiegel ist in sofern variabel, als dass sich mit der Verschiebung des ersten Punktes auf der Seitendiagonale der Satzspiegel nach oben und unten auf der Seite verschiebt und sich dabei vergrößert und verkleinert.

Mit der gleichen Diagonal-Konstruktion kann man mit Hilfe der Villard’schen Figur auch einen festen Satzspiegel erstellen. Hierbei wird der erste Punkt als fester Punkt wie folgt bestimmt: Man zieht vom Schnittpunkt von Seitendiagonale und Doppelseiten-Diagonale eine senkrechte Linie nach oben zum Seitenrand. Von diesem Schnittpunkt mit dem Seitenrand zieht man eine weitere Linie zum Schnittpunkt Seitendiagonale/Doppelseiten-Diagonale der gegenüberliegenden Seite. Der Schnittpunkt dieser Linie mit der Seitendiagonale ist Punkt 1 des Satzspiegels. Der Rest geht wie bereits oben für den variablen Satzspiegel beschrieben.

Festen Satzspiegel mit Diagonalkonstruktion ermitteln
Die Diagonalkonstruktion eignet sich auch zur Festlegung von festen Satzspiegeln

Im Falle der Idealformate ergibt sich so eine Seitengestaltung nach dem Villard’schen Teilungskanon. Dabei entspricht die Höhe des Satzspiegels der Seitenbreite.

Für ein Zeitungslayout eignet sich diese Art der Satzspiegel-Konstruktion aber eher nicht, da der entstehende bedruckbare Bereich zu klein und der Seitensteg zu breit wird.

Satzspiegel nach der Fibonacci-Reihe bestimmen

Zur Bestimmung eines Satzspiegels nach der Fibonacci-Reihe geht man wie folgt vor: Bei einem Seitenformat von 21 zu 34 werden Breite und Höhe in Quadrate untergliedert und die Bundstege, Kopf-, Fuß- und Seitenstege mit einer den Fibonacci-Zahlen entsprechenden Anzahl Quadrate festgelegt. Auch hier ergibt sich ein Satzspiegel, bei dem die Höhe des Satzspiegels der Seitenbreite entspricht. Diese Art der Satzspiegel-Konstruktion funktioniert allerdings nur bei den entsprechenden Seitenformaten.

Und was ist mit Satzspiegeln für Zeitungsformate?

Beispiele für typische Satzspiegel der unterschiedlichen Zeitungsformate sind:

  • Nordisches Format mit Satzspiegeln von 370,5-376×528 mm (HAZ, FAZ, Welt, Bild)
  • Rheinisches Format mit Satzspiegeln von 314-327×450-485 mm
  • Berliner Format mit Satzspiegeln von 266-282×420-428 mm
  • Tabloid-Formate mit Satzspiegeln von z.B. 200x 275 mm

Wie man sieht, ist es bei Zeitungen noch stärker als bei Magazinen üblich, einen großen Teil der Seiten für den Druck nutzbar zu machen. Von den großzügigen Randstegen der Buchgestaltung keine Spur. Auch ist es nicht unüblich den Satzspiegel auf der Seite zu zentrieren: i. e. ein Rheinisches Format mit 350 mm auf 510 mm und symmetrischen Seiten-Stegen von 12 mm sowie 15 mm Kopf- und Fußsteg.
Andere Tageszeitungen, wie z. B. die FAZ nutzen zwar den Großteil der Seiten, der in der Breite zentrierte Satzspiegel hängt aber am Seitenkopf – der obere Seitenrand ist also merklich kleiner als der Fußsteg.

Zeitungslayout – der eigentliche Gestaltungsspielraum liegt im Gestaltungsraster

Beim Layout von Zeitungen sind die Gestaltungsmöglichkeiten, was Format und Satzspiegel betrifft, wegen der intensiven Seitennutzung also eingeschränkt. Alles liegt jetzt am Gestaltungsraster. Denn das bestimmt letzten Endes nicht nur wie gut eine Veröffentlichung aussieht, sondern auch wie flexibel sich Artikel unterschiedlicher Lauflänge und Fotos unterschiedlicher Formate unterbringen lassen.

Zeitungslayout bedeutet Spaltensatz

Gestaltungsraster erstellen: Spalten im Dutzend

Zeitungslayout ist Spaltensatz
Wer eine Zeitung layoutet, sollte versiert im Spaltensatz sein.

Zunächst wird der Satzspiegel einer Seite mit einem Grundlinienraster versehen und in 12 Spalten mit einem bestimmten Spaltenabstand unterteilt. Eine gängiger Abstand der Grundlinien wäre zum Beispiel 12pt, wenn wir für den Mengentext eine normale Schriftgröße benutzen möchten. Die Unterteilung in 12 Spalten hat gegenüber einer dezimalen Unterteilung folgenden Vorteil: 10 lässt sich nur durch sich selbst, 5 und 2 teilen. 12 ist hingegen durch sich selbst, 6, 4, 3 und 2 teilbar.

Die Entscheidung für ein 12er-Raster bietet uns also größere Flexibilität. Diese Unterteilung hat sich deshalb nicht nur im Printdesign sondern auch fast überall in den digitalen Medien durchgesetzt.

Was die Aufteilung in Spalten betrifft sind wir also schon recht flexibel. Wir können unsere Seiten dank unserer 12 Rasterspalten, in zwei, drei, vier oder sechs Spalten setzen. (Auch in 12 – aber das tut man in der Regel wegen der zu kurzen Zeilen der Lesbarkeit zuliebe eher nicht.)

Natürlich haben wir damit immer noch kein wirklich brauchbares alltagstaugliches grafisches Raster für unser Zeitungslayout. Der eigentliche Clou kommt erst durch die Unterteilung in Artikel-Blöcke.

Grafische Raster für Zeitungen: Der Kniff mit Treppen und Blöcken

Für die Verteilung von Artikeln auf einer Zeitungsseite gibt es unterschiedliche Möglichkeiten.

Schema Blockumbruch im Zeitungslayout
Blockumbruch: Alle Artikelblöcke liegen untereinander

Der einfachste besteht im reinen Block-Umbruch und der Anordnung der Artikelblöcke untereinander. Dabei laufen alle Artikel über alle Spalten der Seitenbreite. Die Titel und Untertitel bzw. Lead befinden sich bei dieser Anordnung meist zentriert über den Spalten oder sind in die Spalten eingezogen. Der Nachteil des reinen Block-Umbruchs ist, dass kurze Artikel sich schlecht unterbringen und setzen lassen und der Gesamteindruck der Seite sehr ruhig und etwas undynamisch ist.

Wenn die Mischung kurzer und langer Artikel auf einer Seite häufig und erwünscht ist, findet sich mit dem Treppen-Umbruch eine bedenkenswerte Option. Dabei werden L-förmige Gestaltungsblöcke so ineinander verschachtelt, dass die Größe der Einzelelement mit der Verschachtelung abnimmt. Auf diese Weise lassen sich verschieden lange Artikel elegant auf der Seite verteilen, ohne dass dabei der Sprung in die neue Spalte dadurch für den Leser zu schwierig werden darf. Diese Art des Umbruchs war lange Zeit prägend im Zeitungslayout: Es war zu Zeiten des Bleisatzes die beste Option.

Zeitungslayout im Treppenumbruch
Gut verschachtelt: Im Treppenumbruch schmiegen sich Artikelblöcke L-förmig aneinander
Zeitungslayout mit gemischtem Schaufelumbruch
Mischumbruch oder Schaufelumbruch: Treppen- und Blockumbruch gemischt

Wenn der Treppen-Umbruch allein zu unruhig ist, lassen sich die beiden Systeme auch kombinieren: diese gemischten Umbruch-Systeme unterbrechen die ineinander geschachtelten L-Blöcke durch rechteckige Artikelblöcke. Das ist zum Beispiel beim sogenannten Schaufelumbruch der Fall.

Häufig sind auch Lösungen, bei denen zwei- oder einspaltige Blöcke über die ganze Seitenhöhe einen Mittelteil umrahmen, der seinerseits in untereinander angeordnete Artikelblöcke unterteilt ist.

Gutes Zeitungslayout ist mutig und regt zum Weiterlesen an, ohne der Lesefreundlichkeit zu schaden.

Hodenhagen, März 2020 – Text: Dagmar Tille – Illustrationen: Lutz Wiedemann

Kleiner Leitfaden für Autoren

Verständlichkeit und Stilistik

Wie man es schafft, verständlich zu schreiben ohne eintönig zu werden: Nicht nur eine Frage des Stils…

Ein guter Text bringt Dinge auf den Punkt. Das ist der springende Punkt. Er weckt Interesse und ist gut lesbar. Zwar lässt sich die Verständlichkeit eines Textes vermeintlich einfach optimieren, jedoch darf man es nicht übertreiben. Denn erst ein abwechslungsreicher und lebendiger Stil sorgt dafür, dass einmal gewecktes Interesse nicht durch eine eintönige Abfolge unvertexterer Fünfwort-Sätze ermüdet und der Leser sich schläfrig anderem zuwendet.

Ein guter Text hat eine Dramaturgie. Und Rhythmus. Mal ist er temporeich, mal atemlos, mal fließt er gelassen und ruhig dahin. Er baut Widersprüche und Fragen auf und steuert auf einen Punkt zu, an dem der Leser gespannt die Auflösung erwartet. Das was folgt, hat die volle Aufmerksamkeit des Lesers.

Und das ist es, was wir wollen: die volle Aufmerksamkeit unseres Lesers.

Wie fesselt man den Leser?

The Bookworm - Grohmann Museum

Der Bücherwurm im Gemälde von Spitzweg zeigt, wie fesselnd Lektüre sein kann.

Die Welt der Sprache, der Texte und Bücher kann fesselnd sein. Bei einigen ging und geht die Liebe so weit, dass sie der realen Welt am liebsten ganz entsagen würden. Früher nannte man so jemanden einen Bücherwurm.

Zwar sind die Viel- und Gernleser im Netz eher nicht in der Mehrzahl. Aber es gibt ein paar grundlegende Techniken für Texter und auch ein paar stilistische Kniffe, mit denen die Leser auch bei längeren Online-Texten das Interesse nicht verlieren. Eben weil sie wissen wollen, wie es weiter geht.

Sie wollen wissen, wie das geht? Dann bleiben Sie dran. Hier geht es zu den praktischen Tipps >>

Drei grundlegende Fragen

Die folgenden drei grundlegenden Fragen sollten wir immer klar beantworten können, bevor wir anfangen zu schreiben:

Sie lauten

  • Worüber,
  • für wen und
  • wozu schreiben wir unseren Text?

Sie finden das zu banal und deshalb überflüssig? Das ist es nicht. Fehlannahmen auf dieser Ebene sind die vermutlich häufigste Ursache für eine scheiternde Kommunikation zwischen Autor und Leser. Und natürlich für schlechte, inkohärente Texte.

Die Fragen, worüber und für wen wir schreiben, sind eng aufeinander bezogen. Schließlich hat die Zielgruppe Einfluss auf unsere Entscheidungen, wie grundlegend oder tiefgreifend wir unser Thema aufbereiten.

Welche Bereiche des Themas wollen wir für unsere konkrete Zielgruppe eventuell weglassen und welche besonders gründlich bearbeiten? Welches Vorwissen können wir voraussetzen?

Die Frage nach dem Wozu: Damit ist erstens der Zweck des Textes gemeint. Dient er der Bildung, der Information von Verbrauchern, Bürgern oder etwa der Unterhaltung? Zweitens: erscheint er in einer Tageszeitung oder ist er für ein Datenblatt? Aus der Antwort auf diese Frage können sich sehr konkrete und sogar strikte Anforderungen an die Textsorte ergeben.

Bei manchen Textsorten wie der Zeitungsmeldung oder der wissenschaftlichen Arbeit gibt es bestimmte Regeln zu Form, Struktur und Inhalt, die man kennen und einhalten sollte.
Bei anderen Textsorten können wir freier gestalten. Sie bieten mehr Raum für Erzählung und stilistische Freiheit.

Verständlichkeit für unterschiedliche Zielgruppen und Textsorten anpassen

Manche Settings sind klarer als andere: Bei einem Text in einem Biologiebuch der 6. Klasse für die Unterrichtseinheit zu heimischen Singvögeln, verfügen wir über gute Informationen zu Zielgruppe, ihrem Vorwissen und den (laut Lehrplan) zu vermittelnden Inhalten. Die Herausforderung liegt in der didaktischen Aufbereitung zur Etablierung neuer Konzepte.


Wird hingegen ein hochkomplexer technischer und gesamtgesellschaftlich relevanter Zusammenhang in einem Feature einer großen Publikumszeitschrift behandelt, kann es verzwickt werden. Die Zielgruppe ist heterogen, besteht also aus sehr unterschiedlichen Lesern mit unterschiedlichem Vorwissen. Außerdem ist der Zweck journalistischer Texte einerseits Information, andererseits aber auch Unterhaltung.

Verständlichkeit bei sehr heterogenen Zielgruppen optimieren

Lässt sich die Zielgruppe nur schwer eingrenzen oder ist sie sehr heterogen, müssen wir uns etwas einfallen lassen. Unsere Leser mit geringem Vorwissen oder ungeübte Leser wollen wir nicht überfordern. Andererseits möchten wir die fortgeschrittenen oder besonders interessierten Leser nicht langweilen und so vergraulen. Wie löst man dieses Problem?

Es ist in solchen Fällen schwierig, manchmal sogar unmöglich, den gesamten Text für alle zu optimieren. Dennoch gibt es eine Lösung für dieses Problem.

Sie besteht darin, bestimmte Bereiche des Themenkomplexes zu entkoppeln und getrennt zu behandeln. Der Hauptteil des Textes befasst sich mit dem Kernthema. Er sollte sich vom Schwierigkeitsgrad im unteren Mittelfeld der Gesamtzielgruppe bewegen. Herausgelöst, entweder in eigenen Artikeln oder in Infokästen, kann man sowohl nötiges Vorwissen vermitteln und Grundkonzepte erläutern als auch Detailfragen und Expertenwissen anschneiden.

Verständlichkeit bedeutet Übersichtlichkeit

Damit unser Leser sich zurechtfindet, sollten Layout und Gestaltung sowie verständliche Zwischenüberschriften ihm zeigen, welche Informationen ihn wo erwarten. Farblich abgesetzte Infokästen, Piktogramme und Symbole können die Orientierung erleichtern. Eine übersichtliche Informationsgestaltung ist hier das A und O. So findet der eilige Leser den Anschluss, wenn er einen Absatz mit für ihn ausufernden Details überspringen möchte.

Von der Pflicht zur Kür

Soweit zur Pflicht. Kommen wir zur Kür. Die obigen Empfehlungen führen zu besseren Texten. Zu einer klareren Struktur und weniger Abschweifungen, die nur im Text landen, wenn wir gerade nicht weiter wissen. Das ist schon viel. Aber wie schreiben wir nicht nur einen guten Text sondern einen fesselden Text? Einen Text, den unser Leser gerne und auch ganz freiwillig von vorne bis hinten durchliest?

Anschaulichkeit und Abwechslung

Leser mögen interessante Geschichten. Und sie sind, wie alle Menschen, neugierig. Zugegeben manche mehr als andere. Diese Neugier zu wecken und wachzuhalten, ist unsere Aufgabe als Autor.

Einen Teil der Aufgabe haben wir schon erledigt, indem wir unserem Text eine klare Struktur verpasst haben. Noch mehr können wir tun, indem wir unsere Sprache klar und konkret halten – wo immer das geht und sinnvoll ist. Der Leser soll sich vorstellen können, wovon die Rede ist.

Was aber bedeutet möglichst konkret?

Oft wird empfohlen, aus Gründen der Anschaulichkeit nicht Oberbegriffe sondern lieber die konkreten Dinge zu nennen, die in die beschriebene Kategorie fallen. Soll heißen: Schreib nicht von Blumen, schreib von Rosen.

Das ist oft ein wirklich guter Ansatz. Aber nicht immer. Wenn wir glauben beim Leser ein lebhafteres Bild zu erzeugen, wenn wir von Tassen und Tellern schreiben, ist diese Formulierung besser als Geschirr. Wenn wir aber auf diese Weise auch Suppenschüsseln, Vorlegeteller, Untertassen etc. nennen müssen, ist der Ratschlag eventuell eher unpassend.

Wähle das konkretere Bild

Ebenso, wenn wir nicht sicher sein können, dass der Leser mit unseren Konkretisierungen tatsächlich etwas Konkretes verbindet: Schreiben wir von Aurikeln, dürften viele von uns kein konkretes Bild vor Augen haben. Aber jeder weiß, was eine Blume ist.

Wie lang ist der perfekte Satz?

Manche stopfen so viel in einen Satz hinein, dass die Hälfte an den Enden wieder herausfällt. Das sollte man nicht tun. Denn um den Sinn zu entschlüsseln muss der Leser die Teile solcher Sätze erst mühsam analysieren und auseinandernehmen. Dann muss er für sein eigenes mentales Modell diese Teile wieder richtig zusammenbauen.

Bedeutet das, je kürzer, je verständlicher?

Die Antwort lautet: jein. Häufig liest man den Ratschlag: Ein Gedanke, ein Satz. Aber was bedeutet das? Was ist noch ein Gedanke und was sind schon zwei?

Wie viele Gedanken zählt der Satz “Das kleine Mädchen tollte ausgelassen über die grüne Sommerwiese.” ? Ziemlich viele. Einige davon stehen explizit darin. Andere entstehen erst in unserer Vorstellung.

Kurze Sätze lassen sich schneller lesen. Auch ungeübte Leser halten dann bis zum Satzende durch. Aber wir lesen Texte. Und in Texten brauchen Sätze eine Verbindung. Man nennt das Vertextung.

Erst Vertextung schafft Verständlichkeit

Jeder Text ist ein Netzwerk, das verschiedene Bedeutungseinheiten oder Konzepte miteinander verbindet. Das kann, muss aber nicht in jedem Fall durch die ausdrückliche Nennung dieser Konzepte und ihrer Verbindungen im Text geschehen. In den meisten Texten bleiben wichtige Dinge unerwähnt. Beim Lesen ergänzt der Leser den fehlenden Teil. Man nennt diesen Vorgang Interferenzbildung. Dazu nutzt er sein Vorwissen oder Weltwissen.

Außer vielleicht beim wortwörtlichen, mechanischen Auswendiglernen ist es diese ergänzte Struktur, die unser Verständnis ausmacht. Diese im Kopf gebildeten Makrostrukturen oder auch mentalen Modelle (hier gibt es in der Forschung unterschiedliche Ansätze) repräsentieren das neue Wissen bzw. den Sinn des Textes in unserem Gedächtnis.

Das bedeutet: Nur wenn es genügend Verbindungen zwischen den einzelnen Konzepten des Textes gibt, bildet er ein zusammenhängendes Ganzes. Dann ist er kohärent. Wie viele dieser Verbindungen ausdrücklich formuliert sind, ist dabei eigentlich gar nicht so wichtig.

Folgendes Beispiel: Der Text “Finger – Hammer – Schmerz” führt problemlos zu einer kohärenten inhaltlichen Struktur, obwohl er nur aus drei Wörtern besteht, die der Text unverbunden lässt.

Die Ergänzung beim Lesen funktioniert bei der menschlichen Textverarbeitung also ziemlich gut. Dennoch können fehlende Verbindungen im Text zum Problem werden. Zum Beispiel, wenn die nötige Ergänzung unterbleibt, da der Leser nicht über das nötige Wissen verfügt. Oder wenn der Leser mehrere Möglichkeiten der Ergänzung sieht. In diesem Fall ist der Text für ihn mehrdeutig. Und auch eine Häufung nötiger Interferenzen kann zum Problem werden.

Am problematischsten ist es, wenn der Leser Zusammenhänge selbst ergänzen müsste, die zu den Dingen gehören, die der Text erst vermitteln soll. Dann erfüllt der Text seine Aufgabe nicht.

Es gibt für jeden Text, für jedes Thema eine Grenze, ab der die üblichen Maßnahmen zur Optimierungen der Textverständlichkeit versagen oder sogar in ihr Gegenteil umschlagen. Was ein Text sein sollte, zerfällt in die Einzelteile – Wie bei einer Mauer, bei der man den Mörtel weglässt. Der Steinhaufen, der nach dem Einsturz übrig bleibt, hat einige Eigenschaften mit der Mauer gemeinsam, ist aber dennoch keine Mauer.

Eine schlechte Vertextung verlangt vom Leser viel geistige Mühe. Verständlichkeit geht anders.

Kohäsion und Verständlichkeit

Die grammatische Kohärenz eines Textes nennt man auch Kohäsion. Verweisende Elemente verbinden die Konzepte und Sätze eines Textes auch auf dieser Ebene miteinander. Ein Beispiel: Wenn wir einen Text über Konrad Zuse schreiben, müssen wir seinen vollen Namen nicht wieder und wieder in jedem Satz nennen. In einigen Sätzen werden wir die Personalpronomen er, ihn, ihm benutzen oder die ensprechenden besitzanzeigenden Fürwürter sein, seine verwenden. Wenn wir alles richtig machen, entsteht auch durch diese Elemente ein Verständnis fördernder innerer Textzusammenhang.

Praktische Tipps für einen lebendigen Stil

Inhaltlicher Aufbau und Dramaturgie

Bei vielen Textsorten gilt in der Sprachgemeinschaft ein bestimmter Aufbau als vereinbart. Es gibt also eine Konvention. Die kann zum Beispiel in einer bestimmten logischen Gliederung bestehen: Einleitung, Problemstellung, Argumentation, Schlussfolgerung.

Oder der Aufbau folgt eher den Regeln des Dramas: Ort, Personen und Thema werden eingeführt, der Konflikt angedeutet, dann spitzen sich Handlung und Konflikt bis zum ersten Wendepunkt zu (Peripetie) und bewegen sich schließlich über einen zweiten, die Handlung bremsenden Wendepunkt (Retardation) auf die Lösung am Ende hin.

Mit den Erwartungen des Lesers spielen

Wir können diese Konventionen für uns nutzen. Denn die Erwartung des Lesers hält sein Interesse wach. Schließlich mag niemand lose Enden. Jedes Problem sucht eine Lösung. Jede Heftchen-Liebesgeschichte ihr Happy End – nach Überwindung tränenheischender und herzzerreißender Hindernisse.

Tempowechsel

Ein abwechslungsreicher Text ändert sein Tempo. Wir sollten unserem Leser in langen Texten ein Paar Tempowechsel gönnen, um Spannung aufzubauen und wieder aufzulösen. Tempo? Was bedeutet das? Ein Folge sehr kurzer Sätze wirkt temporeicher, wie Stakkato. Manchmal direkt atemlos. Danach lassen längere miteinander verwobene Sätze den Text zur Ruhe zu kommen. Wir lassen ihn so mäandern und ruhiger dahinfließen.

Tempowechsel im Text erreicht man z. B. durch eine Folge kurzer Sätze, die den Text schneller machen und vorantreiben. Passagen mit längeren Sätzen bringen danach wieder etwas Ruhe in den Text und bieten dem Leser Gelegenheit, sich zu sammeln.

Verständlichkeit: Das Bekannte und das Neue

Wenn wir aus Wörtern und Sätzen einen Text bilden, greifen wir stetig bereits Bekanntes auf und sagen etwas Neues darüber. Man spricht auch von Thema und Rhema. Durch Vernetzung und Folge von Bekanntem und Neuem entwickelt der Text sich inhaltlich weiter und bleibt trotzdem verständlich.

Diese Entwicklung kann linear erfolgen. Das Neue des ersten Satzes wird als Bekanntes im zweiten Satz aufgegriffen. Das Neue des zweiten Satzes, wird das Bekannte des dritten und so weiter. Und nehmen wir an: das Thema steht in allen Sätzen vor dem Rhema. Das funktioniert gut, wird aber nach einigen Sätzen stinklangweilig.

Akzente setzen, den Leser stärker einbinden

Auch hier lohnt sich ein wenig Kreativität. In einem interessanten Text herrscht nämlich auch hier Abwechslung. Zum Beispiel zieht sich ein Thema durch mehrere Sätze. Oder das Rhema steht im Satz vor dem Thema. Oder der Leser muss an besonderen Stellen thematische Sprünge bewältigen. Auf diese Weise wird der Text lebendiger: Variieren wir die Thema-Rhema-Struktur, können wir Aktzente setzen, die Aufmerksamkeit auf bestimmte Aspekte lenken. Wir können den Leser und sein Vorwissen stärker einbinden und dafür sorgen, dass er bestimmte Fragen selbst stellt.