Kleiner Leitfaden für Autoren

Verständlichkeit und Stilistik

Wie man es schafft, verständlich zu schreiben ohne eintönig zu werden: Nicht nur eine Frage des Stils…

Ein guter Text bringt Dinge auf den Punkt. Das ist der springende Punkt. Er weckt Interesse und ist gut lesbar. Zwar lässt sich die Verständlichkeit eines Textes vermeintlich einfach optimieren, jedoch darf man es nicht übertreiben. Denn erst ein abwechslungsreicher und lebendiger Stil sorgt dafür, dass einmal gewecktes Interesse nicht durch eine eintönige Abfolge unvertexterer Fünfwort-Sätze ermüdet und der Leser sich schläfrig anderem zuwendet.

Ein guter Text hat eine Dramaturgie. Und Rhythmus. Mal ist er temporeich, mal atemlos, mal fließt er gelassen und ruhig dahin. Er baut Widersprüche und Fragen auf und steuert auf einen Punkt zu, an dem der Leser gespannt die Auflösung erwartet. Das was folgt, hat die volle Aufmerksamkeit des Lesers.

Und das ist es, was wir wollen: die volle Aufmerksamkeit unseres Lesers.

Wie fesselt man den Leser?

The Bookworm - Grohmann Museum

Der Bücherwurm im Gemälde von Spitzweg zeigt, wie fesselnd Lektüre sein kann.

Die Welt der Sprache, der Texte und Bücher kann fesselnd sein. Bei einigen ging und geht die Liebe so weit, dass sie der realen Welt am liebsten ganz entsagen würden. Früher nannte man so jemanden einen Bücherwurm.

Zwar sind die Viel- und Gernleser im Netz eher nicht in der Mehrzahl. Aber es gibt ein paar grundlegende Techniken für Texter und auch ein paar stilistische Kniffe, mit denen die Leser auch bei längeren Online-Texten das Interesse nicht verlieren. Eben weil sie wissen wollen, wie es weiter geht.

Sie wollen wissen, wie das geht? Dann bleiben Sie dran. Hier geht es zu den praktischen Tipps >>

Drei grundlegende Fragen

Die folgenden drei grundlegenden Fragen sollten wir immer klar beantworten können, bevor wir anfangen zu schreiben:

Sie lauten

  • Worüber,
  • für wen und
  • wozu schreiben wir unseren Text?

Sie finden das zu banal und deshalb überflüssig? Das ist es nicht. Fehlannahmen auf dieser Ebene sind die vermutlich häufigste Ursache für eine scheiternde Kommunikation zwischen Autor und Leser. Und natürlich für schlechte, inkohärente Texte.

Die Fragen, worüber und für wen wir schreiben, sind eng aufeinander bezogen. Schließlich hat die Zielgruppe Einfluss auf unsere Entscheidungen, wie grundlegend oder tiefgreifend wir unser Thema aufbereiten.

Welche Bereiche des Themas wollen wir für unsere konkrete Zielgruppe eventuell weglassen und welche besonders gründlich bearbeiten? Welches Vorwissen können wir voraussetzen?

Die Frage nach dem Wozu: Damit ist erstens der Zweck des Textes gemeint. Dient er der Bildung, der Information von Verbrauchern, Bürgern oder etwa der Unterhaltung? Zweitens: erscheint er in einer Tageszeitung oder ist er für ein Datenblatt? Aus der Antwort auf diese Frage können sich sehr konkrete und sogar strikte Anforderungen an die Textsorte ergeben.

Bei manchen Textsorten wie der Zeitungsmeldung oder der wissenschaftlichen Arbeit gibt es bestimmte Regeln zu Form, Struktur und Inhalt, die man kennen und einhalten sollte.
Bei anderen Textsorten können wir freier gestalten. Sie bieten mehr Raum für Erzählung und stilistische Freiheit.

Verständlichkeit für unterschiedliche Zielgruppen und Textsorten anpassen

Manche Settings sind klarer als andere: Bei einem Text in einem Biologiebuch der 6. Klasse für die Unterrichtseinheit zu heimischen Singvögeln, verfügen wir über gute Informationen zu Zielgruppe, ihrem Vorwissen und den (laut Lehrplan) zu vermittelnden Inhalten. Die Herausforderung liegt in der didaktischen Aufbereitung zur Etablierung neuer Konzepte.


Wird hingegen ein hochkomplexer technischer und gesamtgesellschaftlich relevanter Zusammenhang in einem Feature einer großen Publikumszeitschrift behandelt, kann es verzwickt werden. Die Zielgruppe ist heterogen, besteht also aus sehr unterschiedlichen Lesern mit unterschiedlichem Vorwissen. Außerdem ist der Zweck journalistischer Texte einerseits Information, andererseits aber auch Unterhaltung.

Verständlichkeit bei sehr heterogenen Zielgruppen optimieren

Lässt sich die Zielgruppe nur schwer eingrenzen oder ist sie sehr heterogen, müssen wir uns etwas einfallen lassen. Unsere Leser mit geringem Vorwissen oder ungeübte Leser wollen wir nicht überfordern. Andererseits möchten wir die fortgeschrittenen oder besonders interessierten Leser nicht langweilen und so vergraulen. Wie löst man dieses Problem?

Es ist in solchen Fällen schwierig, manchmal sogar unmöglich, den gesamten Text für alle zu optimieren. Dennoch gibt es eine Lösung für dieses Problem.

Sie besteht darin, bestimmte Bereiche des Themenkomplexes zu entkoppeln und getrennt zu behandeln. Der Hauptteil des Textes befasst sich mit dem Kernthema. Er sollte sich vom Schwierigkeitsgrad im unteren Mittelfeld der Gesamtzielgruppe bewegen. Herausgelöst, entweder in eigenen Artikeln oder in Infokästen, kann man sowohl nötiges Vorwissen vermitteln und Grundkonzepte erläutern als auch Detailfragen und Expertenwissen anschneiden.

Verständlichkeit bedeutet Übersichtlichkeit

Damit unser Leser sich zurechtfindet, sollten Layout und Gestaltung sowie verständliche Zwischenüberschriften ihm zeigen, welche Informationen ihn wo erwarten. Farblich abgesetzte Infokästen, Piktogramme und Symbole können die Orientierung erleichtern. Eine übersichtliche Informationsgestaltung ist hier das A und O. So findet der eilige Leser den Anschluss, wenn er einen Absatz mit für ihn ausufernden Details überspringen möchte.

Von der Pflicht zur Kür

Soweit zur Pflicht. Kommen wir zur Kür. Die obigen Empfehlungen führen zu besseren Texten. Zu einer klareren Struktur und weniger Abschweifungen, die nur im Text landen, wenn wir gerade nicht weiter wissen. Das ist schon viel. Aber wie schreiben wir nicht nur einen guten Text sondern einen fesselden Text? Einen Text, den unser Leser gerne und auch ganz freiwillig von vorne bis hinten durchliest?

Anschaulichkeit und Abwechslung

Leser mögen interessante Geschichten. Und sie sind, wie alle Menschen, neugierig. Zugegeben manche mehr als andere. Diese Neugier zu wecken und wachzuhalten, ist unsere Aufgabe als Autor.

Einen Teil der Aufgabe haben wir schon erledigt, indem wir unserem Text eine klare Struktur verpasst haben. Noch mehr können wir tun, indem wir unsere Sprache klar und konkret halten – wo immer das geht und sinnvoll ist. Der Leser soll sich vorstellen können, wovon die Rede ist.

Was aber bedeutet möglichst konkret?

Oft wird empfohlen, aus Gründen der Anschaulichkeit nicht Oberbegriffe sondern lieber die konkreten Dinge zu nennen, die in die beschriebene Kategorie fallen. Soll heißen: Schreib nicht von Blumen, schreib von Rosen.

Das ist oft ein wirklich guter Ansatz. Aber nicht immer. Wenn wir glauben beim Leser ein lebhafteres Bild zu erzeugen, wenn wir von Tassen und Tellern schreiben, ist diese Formulierung besser als Geschirr. Wenn wir aber auf diese Weise auch Suppenschüsseln, Vorlegeteller, Untertassen etc. nennen müssen, ist der Ratschlag eventuell eher unpassend.

Wähle das konkretere Bild

Ebenso, wenn wir nicht sicher sein können, dass der Leser mit unseren Konkretisierungen tatsächlich etwas Konkretes verbindet: Schreiben wir von Aurikeln, dürften viele von uns kein konkretes Bild vor Augen haben. Aber jeder weiß, was eine Blume ist.

Wie lang ist der perfekte Satz?

Manche stopfen so viel in einen Satz hinein, dass die Hälfte an den Enden wieder herausfällt. Das sollte man nicht tun. Denn um den Sinn zu entschlüsseln muss der Leser die Teile solcher Sätze erst mühsam analysieren und auseinandernehmen. Dann muss er für sein eigenes mentales Modell diese Teile wieder richtig zusammenbauen.

Bedeutet das, je kürzer, je verständlicher?

Die Antwort lautet: jein. Häufig liest man den Ratschlag: Ein Gedanke, ein Satz. Aber was bedeutet das? Was ist noch ein Gedanke und was sind schon zwei?

Wie viele Gedanken zählt der Satz “Das kleine Mädchen tollte ausgelassen über die grüne Sommerwiese.” ? Ziemlich viele. Einige davon stehen explizit darin. Andere entstehen erst in unserer Vorstellung.

Kurze Sätze lassen sich schneller lesen. Auch ungeübte Leser halten dann bis zum Satzende durch. Aber wir lesen Texte. Und in Texten brauchen Sätze eine Verbindung. Man nennt das Vertextung.

Erst Vertextung schafft Verständlichkeit

Jeder Text ist ein Netzwerk, das verschiedene Bedeutungseinheiten oder Konzepte miteinander verbindet. Das kann, muss aber nicht in jedem Fall durch die ausdrückliche Nennung dieser Konzepte und ihrer Verbindungen im Text geschehen. In den meisten Texten bleiben wichtige Dinge unerwähnt. Beim Lesen ergänzt der Leser den fehlenden Teil. Man nennt diesen Vorgang Interferenzbildung. Dazu nutzt er sein Vorwissen oder Weltwissen.

Außer vielleicht beim wortwörtlichen, mechanischen Auswendiglernen ist es diese ergänzte Struktur, die unser Verständnis ausmacht. Diese im Kopf gebildeten Makrostrukturen oder auch mentalen Modelle (hier gibt es in der Forschung unterschiedliche Ansätze) repräsentieren das neue Wissen bzw. den Sinn des Textes in unserem Gedächtnis.

Das bedeutet: Nur wenn es genügend Verbindungen zwischen den einzelnen Konzepten des Textes gibt, bildet er ein zusammenhängendes Ganzes. Dann ist er kohärent. Wie viele dieser Verbindungen ausdrücklich formuliert sind, ist dabei eigentlich gar nicht so wichtig.

Folgendes Beispiel: Der Text “Finger – Hammer – Schmerz” führt problemlos zu einer kohärenten inhaltlichen Struktur, obwohl er nur aus drei Wörtern besteht, die der Text unverbunden lässt.

Die Ergänzung beim Lesen funktioniert bei der menschlichen Textverarbeitung also ziemlich gut. Dennoch können fehlende Verbindungen im Text zum Problem werden. Zum Beispiel, wenn die nötige Ergänzung unterbleibt, da der Leser nicht über das nötige Wissen verfügt. Oder wenn der Leser mehrere Möglichkeiten der Ergänzung sieht. In diesem Fall ist der Text für ihn mehrdeutig. Und auch eine Häufung nötiger Interferenzen kann zum Problem werden.

Am problematischsten ist es, wenn der Leser Zusammenhänge selbst ergänzen müsste, die zu den Dingen gehören, die der Text erst vermitteln soll. Dann erfüllt der Text seine Aufgabe nicht.

Es gibt für jeden Text, für jedes Thema eine Grenze, ab der die üblichen Maßnahmen zur Optimierungen der Textverständlichkeit versagen oder sogar in ihr Gegenteil umschlagen. Was ein Text sein sollte, zerfällt in die Einzelteile – Wie bei einer Mauer, bei der man den Mörtel weglässt. Der Steinhaufen, der nach dem Einsturz übrig bleibt, hat einige Eigenschaften mit der Mauer gemeinsam, ist aber dennoch keine Mauer.

Eine schlechte Vertextung verlangt vom Leser viel geistige Mühe. Verständlichkeit geht anders.

Kohäsion und Verständlichkeit

Die grammatische Kohärenz eines Textes nennt man auch Kohäsion. Verweisende Elemente verbinden die Konzepte und Sätze eines Textes auch auf dieser Ebene miteinander. Ein Beispiel: Wenn wir einen Text über Konrad Zuse schreiben, müssen wir seinen vollen Namen nicht wieder und wieder in jedem Satz nennen. In einigen Sätzen werden wir die Personalpronomen er, ihn, ihm benutzen oder die ensprechenden besitzanzeigenden Fürwürter sein, seine verwenden. Wenn wir alles richtig machen, entsteht auch durch diese Elemente ein Verständnis fördernder innerer Textzusammenhang.

Praktische Tipps für einen lebendigen Stil

Inhaltlicher Aufbau und Dramaturgie

Bei vielen Textsorten gilt in der Sprachgemeinschaft ein bestimmter Aufbau als vereinbart. Es gibt also eine Konvention. Die kann zum Beispiel in einer bestimmten logischen Gliederung bestehen: Einleitung, Problemstellung, Argumentation, Schlussfolgerung.

Oder der Aufbau folgt eher den Regeln des Dramas: Ort, Personen und Thema werden eingeführt, der Konflikt angedeutet, dann spitzen sich Handlung und Konflikt bis zum ersten Wendepunkt zu (Peripetie) und bewegen sich schließlich über einen zweiten, die Handlung bremsenden Wendepunkt (Retardation) auf die Lösung am Ende hin.

Mit den Erwartungen des Lesers spielen

Wir können diese Konventionen für uns nutzen. Denn die Erwartung des Lesers hält sein Interesse wach. Schließlich mag niemand lose Enden. Jedes Problem sucht eine Lösung. Jede Heftchen-Liebesgeschichte ihr Happy End – nach Überwindung tränenheischender und herzzerreißender Hindernisse.

Tempowechsel

Ein abwechslungsreicher Text ändert sein Tempo. Wir sollten unserem Leser in langen Texten ein Paar Tempowechsel gönnen, um Spannung aufzubauen und wieder aufzulösen. Tempo? Was bedeutet das? Ein Folge sehr kurzer Sätze wirkt temporeicher, wie Stakkato. Manchmal direkt atemlos. Danach lassen längere miteinander verwobene Sätze den Text zur Ruhe zu kommen. Wir lassen ihn so mäandern und ruhiger dahinfließen.

Tempowechsel im Text erreicht man z. B. durch eine Folge kurzer Sätze, die den Text schneller machen und vorantreiben. Passagen mit längeren Sätzen bringen danach wieder etwas Ruhe in den Text und bieten dem Leser Gelegenheit, sich zu sammeln.

Verständlichkeit: Das Bekannte und das Neue

Wenn wir aus Wörtern und Sätzen einen Text bilden, greifen wir stetig bereits Bekanntes auf und sagen etwas Neues darüber. Man spricht auch von Thema und Rhema. Durch Vernetzung und Folge von Bekanntem und Neuem entwickelt der Text sich inhaltlich weiter und bleibt trotzdem verständlich.

Diese Entwicklung kann linear erfolgen. Das Neue des ersten Satzes wird als Bekanntes im zweiten Satz aufgegriffen. Das Neue des zweiten Satzes, wird das Bekannte des dritten und so weiter. Und nehmen wir an: das Thema steht in allen Sätzen vor dem Rhema. Das funktioniert gut, wird aber nach einigen Sätzen stinklangweilig.

Akzente setzen, den Leser stärker einbinden

Auch hier lohnt sich ein wenig Kreativität. In einem interessanten Text herrscht nämlich auch hier Abwechslung. Zum Beispiel zieht sich ein Thema durch mehrere Sätze. Oder das Rhema steht im Satz vor dem Thema. Oder der Leser muss an besonderen Stellen thematische Sprünge bewältigen. Auf diese Weise wird der Text lebendiger: Variieren wir die Thema-Rhema-Struktur, können wir Aktzente setzen, die Aufmerksamkeit auf bestimmte Aspekte lenken. Wir können den Leser und sein Vorwissen stärker einbinden und dafür sorgen, dass er bestimmte Fragen selbst stellt.

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